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Da auch unter den Reitern noch „kein
Meister vom Himmel gefallen ist“, heißt
es üben, üben und nochmals üben, denn
erst „Übung macht den Meister“. Nahezu unzählige
Floskeln schließen sich diesen Binsenweisheiten
an: „Reiten lernt man nur durch Reiten“
und „Wer noch nie vom Pferd gefallen ist,
ist kein richtiger Reiter“, was nichts anderes zu
bedeuten hat als „Aus Fehlern lernt man“.
Doch so einfach ist es nun doch nicht, das Reiten
zu erlernen beziehungsweise es zu verbessern,
denn die Devise, aus Fehlern zu lernen,
kann sich unter Umständen auch als der berühmte
Schuss nach hinten herausstellen. Fehler
im Zusammenhang mit Reiten kann böse Folgen
haben, stellt man sich nur einen folgenschweren
Sturz infolge einer Fehleinschätzung einer
bestimmten Situation vor. Reiten ist keine ungefährliche
Sportart, zumal man es mit lebenden
und nicht immer zu 100 Prozent berechenbaren
Tieren zu tun hat. Das Gefahrenpotenzial beim
Reiten kann nur durch Sicherheitsmaßnahmen
eingegrenzt werden. Somit sollte das Lernen
durch Fehler möglichst nur eine Randbedeutung
haben.
Die andere Perspektive („Übung macht den
Meister“) ist in Bezug auf das Lebewesen Pferd
ebenfallfragwürdig. Jede Übungsstunde eines
noch nicht perfekten Reiters belastet das Pferd
physisch und oft genug auch psychisch. Wie viele
Schulpferde, die täglich ihre Runden im Reitschulbetrieb
laufen müssen, sind abgestumpft
– sowohl körperlich als auch geistig? Wenn
es sich um Privatpferde handelt, werden diese
nicht selten ge- und missbraucht, dass nach
Monaten oder Jahren viel zu früh Verschleißerscheinungen
zu Tage treten, die aufgrund von
Fehlbelastungen entstanden sind.
Körperlichen Verschleiß vorbeugen
Der körperliche (aber auch psychische) Verschleiß
der Pferde entsteht oft genug durch
Fehlbelastungen des Reiters – in den meisten
Fällen durch falschen Sitz und unproduktive
Hilfengebung. Doch wie können in der Übungsphase
die Pferde geschont werden? Überlegungen
gehen zu Pferdesimulatoren, denen es nicht
weh tut, wenn der Reiter ihm ins Kreuz plumpst.
Doch die Akzeptanz der Reitwilligen ist gering,
zumal das Ziel, sich mit einem lebenden Wesen
zu beschäftigen, nicht mehr klar im Bild ist, sondern
lediglich das systematische Lernen von Bewegungsabläufen.
Zu viel Technik also.
Wem sein Pferd jedoch lieb und teuer ist, sollte
bemüht sein, es nicht zu verschleißen. Eine
Alternative ist es, neue Wege zu gehen, die in
anderen Sportarten längst gang und gäbe sind,
aber im Reitsport noch in den Kinderschuhen
stecken. Eine Möglichkeit bietet beispielsweise
das mentale Training, worunter man allgemein
das Sich-Vorstellen von Bewegungsabläufen
versteht, ohne diese motorisch tatsächlich auszuführen.
Damit erzielt man einen fast ebenso
guten Trainingseffekt wie eine real ausgeführte
Übung. Das Pferd jedoch wird dadurch nicht
belastet, da beim mentalen Training quasi nur
„geistig“ geritten wird. Diese Art des Trainings
wird von Turnierreitern schon des Öfteren in
Anspruch genommen, insbesondere wenn sie
den Parcours oder die Reiningaufgabe im Geiste
nochmals ablaufen lassen. Dies dient nicht nur
dazu, sich die Aufgabe einzuprägen, sondern
auch, sich den idealen Ablauf zu verinnerlichen,
um ihn schließlich im Wettkampf besser umsetzen
zu können.
Doch das mentale Training sollte nicht nur für
Turnierreiter regelmäßig zur Anwendung kommen.
Auch der Freizeitreiter und Reitanfänger
kann sich dieses Prinzip zu Nutze machen.
Grundsätzlich ist es für alle Sparten der Reiterei
und in jedem Ausbildungsstand ein hilfreiches
Mittel, um Verbesserungen im Bewegungsablauf
zu erzielen. Gerade der Reitschüler, der sich
im anfänglichen Lernstadium befindet, kann mit
mentalem Training Fehlhaltungen im Sitz sowie
falsche Einwirkungen auf das Pferd schneller
abbauen oder gar von Grund auf vermeiden.
Dies führt zu einem schnelleren Fortschritt, ein
Pferd zu lenken und auf es effektiv einzuwirken
– es also gut zu reiten.
Klare Bewegungsvorstellungen
Der Freizeitreiter kann mit mentalem Training
selbst jahrelang „erarbeitete“ Fehler ausmerzen,
wenn er bereit ist, dieses Training mit
kontrolliertem Realtraining (mit Hilfe eines
Reitlehrers) zu kombinieren. Schließlich bietet
das Mentaltraining noch weitere positive Eigenschaften,
die man im Zusammenhang mit
dem Umgang mit dem Pferd nutzen kann. Die
Voraussetzung, mentales Training auszuführen,
ist Konzentration. Konzentration wiederum ist
nur möglich, wenn man entspannt ist. Schon
die Entspannung allein – sowohl körperlich als
auch geistig – ist eine wichtige Voraussetzung
für erfolgreiches Reiten. Somit kann mit mentalem
Training – mit dessen Hilfe oder als „angenehme
Begleiterscheinung“ – die Einstellung
zum Pferd und zum Reiten neu angelegt werden.
Man erreicht mehr Ruhe und damit Einfühlungsvermögen,
welche außerdem wichtige
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikation
mit dem Pferd sind. Um mental trainieren
zu können, ist eine klare Bewegungsvorstellung
wichtig. Diese kann man sich mit Hilfe
seines Reitlehrers, teils aber auch durch positive
(gute) Reitbilder aneignen. Man muss zunächst
wissen, wie eine Bewegung tatsächlich aussehen
muss, um diese dann mental zu trainieren.
Also stellt das theoretische Wissen die Grundlage
dar. Nur dann verkürzt mentales Training
die Lernzeiten für die richtige Koordination, die
korrekte Stärke und Art der Hilfengebung oder
auch die Form des Sitzes beim Reiter.
Ein wichtiger Vorteil im mentalen Training liegt
unter anderem darin, dass es eine relativ hohe
Wiederholungsfrequenz pro Zeiteinheit erlaubt
und somit sehr energiesparend ist. Dafür benötigt
mentales Training einen hohen Grad an Konzentration,
so dass sich früher oder spätere eine
konzentrative Ermüdung einstellt, die das mentale
Training begrenzt. Außerdem kann keine
Kontrolle (durch einen Reitlehrer) wie unter realen
Trainingsbedingungen stattfinden, so dass
sich durchaus auch fehlerhafte Bewegungsabläufe
einprägen können, wenn man keine klare
Bewegungsvorstellung hat oder das Wissen um
die korrekte Bewegung/Haltung fehlt. Mentales
Training erspart deshalb keineswegs den Reitlehrer,
doch kann mit Hilfe eines guten Reitlehrers,
der sich mit Mentaltraining auskennt, ein
effektiveres Training gestaltet werden.
Erlernen, Präzisieren, Stabilisieren
Mentales Training kann eingesetzt werden, um
Bewegungsabläufe zu erlernen, zu präzisieren
und zu stabilisieren. Im Einzelnen heißt dies:
Bewegungen, konkret Hilfengebung und Reitersitz,
können durch mentales Training beschleunigt
erlernt werden. Dabei ist ein praktisches
Training in Verbindung mit mentalem Training
am effektivsten.
Eine Hilfengebung, die der Reiter bereits in
Grobform beherrscht, kann durch mentales Training
schneller in die Feinform geführt werden.
Die notwendigen Einwirkungen auf das Pferd
können mental präzise durchdacht und somit
eingeübt werden. Somit ist es möglich, die Präzision
und Exaktheit der Hilfengebung besser
und schneller in die Praxis umzusetzen.
Außerdem erlaubt das mentale Training eine
Stabilisierung der erlernten Hilfengebung, die
schließlich relativ schnell zur Automatisierung
werden und das bewusste Denken an die korrekte
Haltung und Bewegung von Händen, Beinen,
Becken etc. letztendlich erübrigt.
Zudem bietet das mentale Training in weiteren
Situationen eine Möglichkeit, das praktische
Training zu überbrücken oder zu ergänzen: Verletzte
oder kranke Reiter, die nicht aktiv aufs
Pferd steigen können, haben die Möglichkeit,
sich über das mentale Training Bewegungsmuster
(beispielsweise die Hilfengebung für
bestimmte Manöver wie fliegender Galoppwechsel
o.ä.) einzuprägen und zu festigen, so
dass durch die Zwangspause kein Qualitätsverlust
entsteht. Bei einer Wiederaufnahme des
praktischen Trainings kann dann nahtlos an den
Stand des abgebrochenen Trainings angeknüpft
werden.
Eine hohe Belastung des Pferdes beispielsweise
bei Sprüngen, Sliding Stops oder Spins kann minimiert
werden, wenn der Reiter diese Manöver
zusätzlich mental trainiert, um deren Hilfengebung
zu erlernen. Zusatztipp: Da das Pferd jedoch
eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen
benötigt, um selbst den Bewegungsablauf
zu automatisieren, sollte man diese Manöver
möglichst langsam, dafür aber korrekt, und
somit belastungsarm ausführen, um den Bewegungsablauf
effektiv zu trainieren. Dafür
muss aber die korrekte Reiterhilfe vorausgesetzt
werden, welche durch mentales Training
schneller erworben werden kann und damit die
praktischen Ausführungen des Pferdes (und somit
körperliche Belastungen) minimiert werden
können.
Besonders für Reitanfänger und Reiter, die
schlechte Erfahrungen in Form von Unfällen
und dergleichen erleiden mussten, stellt das
mentale Training eine großartige Möglichkeit
dar, ihre Ängste und Hemmungen bei der Ausführung
bestimmter Manöver zu bekämpfen.
Das angstfreie „Durchdenken“ einer schwierigen
Aufgabe (bei der möglicherweise zuvor ein
Unfall passiert ist) kann helfen, die Ängste und
Verspannungen zu minimieren und den Teufelskreis
der negativen Prägung zu durchbrechen.
Nicht zuletzt führt mentales Training für den
Turnierreiter zu einer besseren konzentrativen
Einstimmung auf die Prüfung, die bei der Dichte
der guten bis sehr guten Reiter und somit Siegeskandidaten
das Quantum dafür darstellen
kann, die Nase letztendlich vorn zu haben und
die Siegerschleife entgegen nehmen zu können.
Wie trainiert man mental?
Wie soll mentales Training aussehen? Voraussetzung
hierfür ist zunächst einmal eine entspannter
Zustand. Dieser kann auch mit Hilfe
von autogenem Training oder progressiver
Muskelentspannung trainiert und herbeigeführt
werden. Schließlich bedarf es ein hohes Maß an
Konzentration, um sich dann die erforderlichen
Bilder lebhaft und nicht nur schemenhaft vorstellen
zu können. Ganz präzise Vorstellungen
sind notwendig, um dem Unterbewusstsein
einen realen Zustand suggerieren zu können.
Das Unterbewusstsein kann nicht zwischen realen
und nur in der Fantasie vorgestellten Bildern
unterscheiden. Das ist der Grund, weshalb
mentales Training zur Verbesserung von Bewegungsabläufenfunktioniert.
Jetzt lässt man den
Bewegungsablauf (z.B. Hilfengebung für ein
bestimmtes Manöver) in Zeitlupe, aber exakt
und präzise vor seinem geistigen Auge ablaufen.
Der vorgestellte Bewegungsablauf muss
perfekt sein. Diese Vorstellung des perfekten
Bewegungsablaufs wiederholt man einige Male
(Konzentrationszeitspanne etwa zwei bis drei
Minuten). Je nach Situation kann man dann das
praktische Training anschließen und das Manöver
auch real durchreiten.
Vor jeder Prüfung auf dem Turnier, aber auch im
Training vor jedem Manöver – ob neu erlernt
oder ob man eine bereits bekannte Aufgabe
verbessern will – sollte das mentale Training
stehen. Auf diese Weise sind schnellere Verbesserungen
zu erzielen und Lernvorgänge zu
beschleunigen.
Quelle:
Renate Ettl für westernreiter (EWU)
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