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Fit fürs Pferd – Teil 4:
Die Hilfengebung beginnt im Kopf
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Was für andere Sportarten gilt, kann in den meisten Fällen auch auf das Reiten übertragen werden. Reiten ist eine Ausdauersportart mit mitunter komplizierten Bewegungsabläufen in Form von Hilfengebung und Koordination in Zusammenspiel mit den Bewegungen des Pferdes.

 

Da auch unter den Reitern noch „kein Meister vom Himmel gefallen ist“, heißt es üben, üben und nochmals üben, denn erst „Übung macht den Meister“. Nahezu unzählige Floskeln schließen sich diesen Binsenweisheiten an: „Reiten lernt man nur durch Reiten“ und „Wer noch nie vom Pferd gefallen ist, ist kein richtiger Reiter“, was nichts anderes zu bedeuten hat als „Aus Fehlern lernt man“. Doch so einfach ist es nun doch nicht, das Reiten zu erlernen beziehungsweise es zu verbessern, denn die Devise, aus Fehlern zu lernen, kann sich unter Umständen auch als der berühmte Schuss nach hinten herausstellen. Fehler im Zusammenhang mit Reiten kann böse Folgen haben, stellt man sich nur einen folgenschweren Sturz infolge einer Fehleinschätzung einer bestimmten Situation vor. Reiten ist keine ungefährliche Sportart, zumal man es mit lebenden und nicht immer zu 100 Prozent berechenbaren Tieren zu tun hat. Das Gefahrenpotenzial beim Reiten kann nur durch Sicherheitsmaßnahmen eingegrenzt werden. Somit sollte das Lernen durch Fehler möglichst nur eine Randbedeutung haben.

Die andere Perspektive („Übung macht den Meister“) ist in Bezug auf das Lebewesen Pferd ebenfallfragwürdig. Jede Übungsstunde eines noch nicht perfekten Reiters belastet das Pferd physisch und oft genug auch psychisch. Wie viele Schulpferde, die täglich ihre Runden im Reitschulbetrieb laufen müssen, sind abgestumpft – sowohl körperlich als auch geistig? Wenn es sich um Privatpferde handelt, werden diese nicht selten ge- und missbraucht, dass nach Monaten oder Jahren viel zu früh Verschleißerscheinungen zu Tage treten, die aufgrund von Fehlbelastungen entstanden sind.

Körperlichen Verschleiß vorbeugen

Der körperliche (aber auch psychische) Verschleiß der Pferde entsteht oft genug durch Fehlbelastungen des Reiters – in den meisten Fällen durch falschen Sitz und unproduktive Hilfengebung. Doch wie können in der Übungsphase die Pferde geschont werden? Überlegungen gehen zu Pferdesimulatoren, denen es nicht weh tut, wenn der Reiter ihm ins Kreuz plumpst. Doch die Akzeptanz der Reitwilligen ist gering, zumal das Ziel, sich mit einem lebenden Wesen zu beschäftigen, nicht mehr klar im Bild ist, sondern lediglich das systematische Lernen von Bewegungsabläufen. Zu viel Technik also.

Wem sein Pferd jedoch lieb und teuer ist, sollte bemüht sein, es nicht zu verschleißen. Eine Alternative ist es, neue Wege zu gehen, die in anderen Sportarten längst gang und gäbe sind, aber im Reitsport noch in den Kinderschuhen stecken. Eine Möglichkeit bietet beispielsweise das mentale Training, worunter man allgemein das Sich-Vorstellen von Bewegungsabläufen versteht, ohne diese motorisch tatsächlich auszuführen. Damit erzielt man einen fast ebenso guten Trainingseffekt wie eine real ausgeführte Übung. Das Pferd jedoch wird dadurch nicht belastet, da beim mentalen Training quasi nur „geistig“ geritten wird. Diese Art des Trainings wird von Turnierreitern schon des Öfteren in Anspruch genommen, insbesondere wenn sie den Parcours oder die Reiningaufgabe im Geiste nochmals ablaufen lassen. Dies dient nicht nur dazu, sich die Aufgabe einzuprägen, sondern auch, sich den idealen Ablauf zu verinnerlichen, um ihn schließlich im Wettkampf besser umsetzen zu können.

Doch das mentale Training sollte nicht nur für Turnierreiter regelmäßig zur Anwendung kommen. Auch der Freizeitreiter und Reitanfänger kann sich dieses Prinzip zu Nutze machen. Grundsätzlich ist es für alle Sparten der Reiterei und in jedem Ausbildungsstand ein hilfreiches Mittel, um Verbesserungen im Bewegungsablauf zu erzielen. Gerade der Reitschüler, der sich im anfänglichen Lernstadium befindet, kann mit mentalem Training Fehlhaltungen im Sitz sowie falsche Einwirkungen auf das Pferd schneller abbauen oder gar von Grund auf vermeiden. Dies führt zu einem schnelleren Fortschritt, ein Pferd zu lenken und auf es effektiv einzuwirken – es also gut zu reiten.

Klare Bewegungsvorstellungen

Der Freizeitreiter kann mit mentalem Training selbst jahrelang „erarbeitete“ Fehler ausmerzen, wenn er bereit ist, dieses Training mit kontrolliertem Realtraining (mit Hilfe eines Reitlehrers) zu kombinieren. Schließlich bietet das Mentaltraining noch weitere positive Eigenschaften, die man im Zusammenhang mit dem Umgang mit dem Pferd nutzen kann. Die Voraussetzung, mentales Training auszuführen, ist Konzentration. Konzentration wiederum ist nur möglich, wenn man entspannt ist. Schon die Entspannung allein – sowohl körperlich als auch geistig – ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Reiten. Somit kann mit mentalem Training – mit dessen Hilfe oder als „angenehme Begleiterscheinung“ – die Einstellung zum Pferd und zum Reiten neu angelegt werden.

Man erreicht mehr Ruhe und damit Einfühlungsvermögen, welche außerdem wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikation mit dem Pferd sind. Um mental trainieren zu können, ist eine klare Bewegungsvorstellung wichtig. Diese kann man sich mit Hilfe seines Reitlehrers, teils aber auch durch positive (gute) Reitbilder aneignen. Man muss zunächst wissen, wie eine Bewegung tatsächlich aussehen muss, um diese dann mental zu trainieren. Also stellt das theoretische Wissen die Grundlage dar. Nur dann verkürzt mentales Training die Lernzeiten für die richtige Koordination, die korrekte Stärke und Art der Hilfengebung oder auch die Form des Sitzes beim Reiter.

Ein wichtiger Vorteil im mentalen Training liegt unter anderem darin, dass es eine relativ hohe Wiederholungsfrequenz pro Zeiteinheit erlaubt und somit sehr energiesparend ist. Dafür benötigt mentales Training einen hohen Grad an Konzentration, so dass sich früher oder spätere eine konzentrative Ermüdung einstellt, die das mentale Training begrenzt. Außerdem kann keine Kontrolle (durch einen Reitlehrer) wie unter realen Trainingsbedingungen stattfinden, so dass sich durchaus auch fehlerhafte Bewegungsabläufe einprägen können, wenn man keine klare Bewegungsvorstellung hat oder das Wissen um die korrekte Bewegung/Haltung fehlt. Mentales Training erspart deshalb keineswegs den Reitlehrer, doch kann mit Hilfe eines guten Reitlehrers, der sich mit Mentaltraining auskennt, ein effektiveres Training gestaltet werden.

Erlernen, Präzisieren, Stabilisieren

Mentales Training kann eingesetzt werden, um Bewegungsabläufe zu erlernen, zu präzisieren und zu stabilisieren. Im Einzelnen heißt dies: Bewegungen, konkret Hilfengebung und Reitersitz, können durch mentales Training beschleunigt erlernt werden. Dabei ist ein praktisches Training in Verbindung mit mentalem Training am effektivsten.

Eine Hilfengebung, die der Reiter bereits in Grobform beherrscht, kann durch mentales Training schneller in die Feinform geführt werden. Die notwendigen Einwirkungen auf das Pferd können mental präzise durchdacht und somit eingeübt werden. Somit ist es möglich, die Präzision und Exaktheit der Hilfengebung besser und schneller in die Praxis umzusetzen. Außerdem erlaubt das mentale Training eine Stabilisierung der erlernten Hilfengebung, die schließlich relativ schnell zur Automatisierung werden und das bewusste Denken an die korrekte Haltung und Bewegung von Händen, Beinen, Becken etc. letztendlich erübrigt.

Zudem bietet das mentale Training in weiteren Situationen eine Möglichkeit, das praktische Training zu überbrücken oder zu ergänzen: Verletzte oder kranke Reiter, die nicht aktiv aufs Pferd steigen können, haben die Möglichkeit, sich über das mentale Training Bewegungsmuster (beispielsweise die Hilfengebung für bestimmte Manöver wie fliegender Galoppwechsel o.ä.) einzuprägen und zu festigen, so dass durch die Zwangspause kein Qualitätsverlust entsteht. Bei einer Wiederaufnahme des praktischen Trainings kann dann nahtlos an den Stand des abgebrochenen Trainings angeknüpft werden.

Eine hohe Belastung des Pferdes beispielsweise bei Sprüngen, Sliding Stops oder Spins kann minimiert werden, wenn der Reiter diese Manöver zusätzlich mental trainiert, um deren Hilfengebung zu erlernen. Zusatztipp: Da das Pferd jedoch eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen benötigt, um selbst den Bewegungsablauf zu automatisieren, sollte man diese Manöver möglichst langsam, dafür aber korrekt, und somit belastungsarm ausführen, um den Bewegungsablauf effektiv zu trainieren. Dafür muss aber die korrekte Reiterhilfe vorausgesetzt werden, welche durch mentales Training schneller erworben werden kann und damit die praktischen Ausführungen des Pferdes (und somit körperliche Belastungen) minimiert werden können.

Besonders für Reitanfänger und Reiter, die schlechte Erfahrungen in Form von Unfällen und dergleichen erleiden mussten, stellt das mentale Training eine großartige Möglichkeit dar, ihre Ängste und Hemmungen bei der Ausführung bestimmter Manöver zu bekämpfen. Das angstfreie „Durchdenken“ einer schwierigen Aufgabe (bei der möglicherweise zuvor ein Unfall passiert ist) kann helfen, die Ängste und Verspannungen zu minimieren und den Teufelskreis der negativen Prägung zu durchbrechen.

Nicht zuletzt führt mentales Training für den Turnierreiter zu einer besseren konzentrativen Einstimmung auf die Prüfung, die bei der Dichte der guten bis sehr guten Reiter und somit Siegeskandidaten das Quantum dafür darstellen kann, die Nase letztendlich vorn zu haben und die Siegerschleife entgegen nehmen zu können.

Wie trainiert man mental?

Wie soll mentales Training aussehen? Voraussetzung hierfür ist zunächst einmal eine entspannter Zustand. Dieser kann auch mit Hilfe von autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung trainiert und herbeigeführt werden. Schließlich bedarf es ein hohes Maß an Konzentration, um sich dann die erforderlichen Bilder lebhaft und nicht nur schemenhaft vorstellen zu können. Ganz präzise Vorstellungen sind notwendig, um dem Unterbewusstsein einen realen Zustand suggerieren zu können.

Das Unterbewusstsein kann nicht zwischen realen und nur in der Fantasie vorgestellten Bildern unterscheiden. Das ist der Grund, weshalb mentales Training zur Verbesserung von Bewegungsabläufenfunktioniert. Jetzt lässt man den Bewegungsablauf (z.B. Hilfengebung für ein bestimmtes Manöver) in Zeitlupe, aber exakt und präzise vor seinem geistigen Auge ablaufen. Der vorgestellte Bewegungsablauf muss perfekt sein. Diese Vorstellung des perfekten Bewegungsablaufs wiederholt man einige Male (Konzentrationszeitspanne etwa zwei bis drei Minuten). Je nach Situation kann man dann das praktische Training anschließen und das Manöver auch real durchreiten.

Vor jeder Prüfung auf dem Turnier, aber auch im Training vor jedem Manöver – ob neu erlernt oder ob man eine bereits bekannte Aufgabe verbessern will – sollte das mentale Training stehen. Auf diese Weise sind schnellere Verbesserungen zu erzielen und Lernvorgänge zu beschleunigen.


Quelle:
Renate Ettl für westernreiter (EWU)


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