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Fit fürs Pferd – Teil 2:
Gymnastik und Aufwärmübungen für den Reiter
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Für jeden Sportler ist es obligatorisch, sich vor dem Training oder Wettkampf aufzuwärmen. Nun ist auch das Reiten eine Sportart, doch außer den Voltigierern denkt kaum einer daran, seine Muskeln zu lockern, zu dehnen und auf Betriebstemperatur zu bringen, bevor man in den Sattel steigt. Dabei hat richtiges Aufwärmen eine Menge Vorteile – nicht nur für den Sport-, sondern auch für den Freizeitreiter.

 

Kaum jemand hat bei seiner beruflichen Tätigkeit eine abwechslungsreiche Beschäftigung. Der Körper eines jeden Einzelnen wird fast ständig einseitig belastet. Die Folge sind Verspannungen, Überlastungen und ungleichmäßige Ausbildung der Muskulatur. Am Feierabend möchte man sich nun auf dem Rücken des Pferdes entspannen. Man setzt sich also aufs Pferd und ab geht´s ins Gelände. Neben den mitgebrachten Verspannungen und Über- sowie Falschbelastungen der Muskulatur und des Knochengerüsts ist man möglicherweise auch noch vom Arbeitsstress genervt: Eine psychische Blockade, die verhindert, den Körper zu entspannen. Andererseits sind schon die körperlichen Verspannungen so stark, dass eine Entspannung kaum mehr möglich ist.

Der Reiter steigt bereits verspannt in den Sattel und hofft darauf, dass er sich beim Ritt entspannen kann. Dies ist meist aber nicht möglich, zumal sich das Pferd sehr bald ebenso verspannen wird, wie es der Reiter ist. Das Pferd reagiert immer so, wie es ihm der Reiter vorgibt. Es gleicht sich dem Zustand des Reiters an – es ist sein Spiegelbild! Schließlich wird der Reiter nun noch genervter, weil das Pferd heute wieder mal nicht nachgibt oder nicht feinfühlig auf die Hilfen reagiert. Wieder mal pullt es oder ist nicht vom Fleck zu bewegen. Auf diese Weise schaukelt sich die Verspannung von Mensch und Tier gegenseitig hoch. Nach einer Stunde mühsamen Reitens ist kein Funken von Erholung zu spüren – oftmals ist der Reiter noch genervter und verspannter als vor dem Ritt. Er steigt ab, die Beine schmerzen, der Rücken tut weg und die Arme sind müde. Auch dem Pferd hätte an diesem Tag eine Stunde Koppelgang besser getan als einen verkrampften Reiter durch die Gegend zu tragen und regelrecht zu ertragen.

Aufwärmen und Entspannen

Es ist deshalb sinnvoll und im Grunde sogar notwendig, sich mit gymnastischen Entspannungsübungen auf das Reiten vorzubereiten. Nicht nur Entspannung, sondern auch Aufwärmen der benötigten Muskulatur ist vor jeder sportlichen Betätigung ein zwingendes Muss, um Verkrampfungen, Überdehnungen und Verletzungen vorzubeugen. Gymnastik und Aufwärmübungen haben aber noch weitere positive Effekte. In erster Linie wird die allgemeine Leistungsfähigkeit des Reiters enorm erhöht. Dies gilt zwar hauptsächlich für den Sportreiter wie Vielseitigkeits- und Distanzreiter, jedoch sind auch viele Freizeitreiter auf Orientierungsoder Wanderritten längere Zeit im Sattel, so dass eine körperliche Vorbereitung auf diese Leistungsanforderung durchaus angebracht ist. Die Gymnastik verbessert auch die Koordinationsfähigkeit des Körpers, was beim Reiten einen besonders hohen Stellenwert einnimmt.

Die einseitige Alltagsbelastung von vielen Reitern kann eine gymnastische Körperschulung ausgleichen helfen. Nicht zuletzt bewirken die Übungen eine Regulation der Psyche, was vor allem Turnierreiter nicht unterschätzen sollten. Umfassend kann gesagt werden, dass die Leistungsfähigkeit des Reiters – und somit auch des Pferdes – zunimmt, wodurch der Freizeitreiter genauso profitiert wie der Sportreiter.

Nun stellt sich dem Reiter die Frage, welche Art von Übungen sinnvoll sind, sowie wo, wann und wie man sie richtig durchführt. Zunächst muss man wissen, welche Ziele man hauptsächlich erreichen möchte: Aufwärmen, Steigerung der Beweglichkeit, Ausgleichsübungen, Regeneration, Verbesserung der Koordination oder psychische Regulation?

Für jeden Bereich eignen sich bestimmte gymnastische Übungen. Es ist wichtig, die verschiedenen Übungen auch gezielt einzusetzen, um eine hohe Effektivität zu erreichen. Grob kann man unterscheiden zwischen einer aufwärmenden Gymnastik (auf das Reiten vorbereitend), Entmüdungsübungen (nach dem Reiten zur Regeneration) sowie aufbauende Körperschulung (Verbesserung der Kondition und Koordination).

Die aufbauende Gymnastik wird im Pferdesport in erster Linie eingesetzt, um Haltungs- und Bewegungsschwächen des Reiters zu korrigieren. Für einen korrekten Sitz sind solche Übungen „Gold wert“. Eine weitere Art von Gymnastik widmet sich der Ausdauer, die in der Regel hauptsächlich für Distanzreiter und andere Sportreiter relevant ist. Trotzdem schadet dem Freizeitreiter eine gute Kondition und Ausdauer ebenso wenig, im Gegenteil, sie kann auch ihm nur Vorteile bringen. Bei vielen Übungen erreicht man in mehreren Bereichen einen positiven Effekt, es sind also Kombinationen sehr gut möglich.

Aufwärmende Gymnastik

Vor allem auch in der kalten Jahreszeit ist ein gutes Aufwärmtraining für den Reiter sehr vorteilhaft. Zunächst wird selbstverständlich die Muskulatur für die bevorstehende Beanspruchung vorbereitet. Des weiteren wird der Kreislauf aktiviert, dass man selbst bei kaltem Wind und Schneefall nicht so leicht zu frieren beginnt. Bei kalter Witterung ist die Gefahr von Verletzungen (z.B. Zerrungen) größer, weshalb die Aufwärmphase hier besonders intensiv durchgeführt werden sollte.

Die „Gurtdruckgewöhnungszeit“, in der das Pferd bereits gesattelt, aber der Gurt noch nicht ganz fest gezogen ist, kann man sehr gut für Aufwärmübungen nutzen. Dabei können die Übungen idealerweise in der Stallgasse durchgeführt werden, wobei man die Putzbox für einige Übungen zu Hilfe nehmen kann.

Übungsbeispiele zum Aufwärmen vor dem Reiten:

1. Beide Arme so weit wie möglich nach oben strecken (Kirschenpflücken), dabei auf die Zehenspitzen stellen. Gedehnt wird hierbei die Rücken- und Rumpfmuskulatur.

2. Dieselbe Übung, jedoch dabei eine Rumpfseitbeuge ausführen. Die seitlichen Rumpfmuskeln werden dabei in Anspruch genommen.

3. In die Hocke gehen, die Hände am Boden abstützen und das Gesäß anheben, möglichst bis die Knie durchgestreckt sind. Bei dieser Übung wird in erster Linie die hinteren Beinmuskulatur, aber auch die Rückenmuskulatur gedehnt.

4. Für die vordere Bein- und Rumpfmuskulatur eignet sich der Ausfallschritt nach vorne, wobei man darauf achtet, dass man die jeweilige Hüfte gut vorschiebt, um eine entsprechende Dehnung des Hüftstreckers zu gewährleisten. Diese Übung kann man auch mit Zuhilfenahme der Putzbox variieren. Dabei wird das Ausfallbein auf die Box gestellt.

5. Ebenso eignet sich der seitliche Ausfallschritt für die innere Oberschenkelmuskulatur. Diese Übung ist selbstverständlich auf beiden Seiten auszuführen. Effektiver wird die Übung, wenn man das Ausfallbein auf die Putzkiste stellt.

6. Man ergreift das Sprunggelenk und zieht die Ferse zum Gesäß. Dabei wird die Oberschenkelmuskulatur gedehnt.

7. Man stellt sich mit dem Rücken zur Putzbox und stützt sich auf ihr mit den Händen ab. Nun geht man tief in die Hocke und drückt sich mit den Armen hoch. Diese Übung kann man selbst variieren, indem man einmal mehr mit den Armen drückt, ein anderes Mal die Beinmuskulatur verstärkt arbeiten lässt.

Aufwärmen im Sattel

Zur allgemeinen Lockerung kann man nun zum Schluss aus dem Stand einige Male hochspringen und in den Beinen leicht abfedern. Um das Aufwärmen zu erweitern und interessanter zu gestalten, lassen sich viele Übungen auf dem Pferd durchführen. Dies geschieht am besten in den ersten zehn Minuten der Reitstunde, die ausschließlich im Schritt geritten wird und bereits zur Aufwärmphase des Pferdes gehört. Das Pferd wird dabei am losen Zügel geritten. Im Sattel lässt sich sehr gut die Arm- und Schulterpartie lockern und aufwärmen.

1. Man beginnt mit dem Armkreisen abwechselnd nach vorne und rückwärts. In der Reitbahn und bei sehr sicheren Pferden, die gut mit Gewichtshilfen zu lenken sind, kann man die Zügel hierzu über das Sattelhorn bzw. den Hals legen, um das Armkreisen mit beiden Armen gleichzeitig ausführen zu können. Aus Sicherheitsgründen ist es jedoch besser, mit einer Hand stets die Zügel zu halten und abwechselnd die Arme zu kreisen.

2. Als zweite Übung bietet sich das Schulterkreisen in beide Richtungen – vorwärts und rückwärts – an.

3. Jetzt kann man den Kopf zur Seite neigen (bei der Kopfneigung nach rechts kann die rechte Hand unterstützend einwirken, indem man diese zum linken Ohr führt und einen leichten Zug aufbaut). Achtung: Kein Kopfkreisen und nicht den Kopf nach hinten strecken – diese Übungen stuft man mittlerweile als schädlich ein!

4. Arme zur Seite ausstrecken und sich im Rumpf abwechselnd nach links und rechts drehen. Das Pferd reagiert auf die Drehbewegung (Gewichtshilfe) mit Abwenden – mit dieser Übung kann man deshalb auch versuchen, Slalom zu reiten.

5. Rumpf seitwärts nach vorne beugen und mit der gegenüberliegenden Hand versuchen, die Fußspitze zu berühren. Die Übung wird selbstverständlich auf beiden Seiten durchgeführt.

6. Zum Abschluss kann man seinen Oberkörper nach hinten auf der Kruppe des Pferdes ablegen.

Entmüdungsgymnastik

Nach dem Reiten sollte man eine Entmüdungsgymnastik durchführen, da die Muskulatur weniger Belastungserscheinungen (z.B. Muskelkater) zeigt, wenn sie richtig entmüdet wurde. (Dies gilt übrigens auch fürs Pferd, dem man eine entsprechende Abkühlphase zugestehen soll. Die meisten Reiter beachten diesen Aspekt viel zu wenig. Das Pferd erhält wie am Anfang der Stunde auch zum Schluss eine zehnminütige Schrittphase zum Lösen, Abkühlen und Entmüden.) Jeder Leistungssportler beendet das Training oder den Wettkampf mit lockerem Auslaufen oder leichter Gymnastik. Der Reiter sollte dem nicht nachstehen, zumal sich seine Fitness nicht nur auf seine Leistungsfähigkeit auswirkt, sondern auch auf das Wohlergehen seines Pferdes.

Eine hervorragende Entspannungstechnik für das Entmüden ist das sogenannte Stretching. Dabei wird ein Muskel oder eine Muskelgruppe etwa 15 Sekunden lang in Anspannung gehalten, dann schlagartig entspannt und anschließend gedehnt. Mit dieser Technik können am besten Verspannungen gelöst, aber auch die Muskulatur grundsätzlich verbessert werden. Führt man die Übungen nach dem Reiten sorgfältig durch – hierfür reichen etwa zehn Minuten aus –, wird man sich rundum wohl und zufrieden fühlen. Die beste Voraussetzung, um für die nächste Reitstunde entsprechend motiviert zu sein und positive Ergebnisse zu erzielen.


Quelle:
Renate Ettl für westernreiter (EWU)


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