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Wer hat sich nicht schon Gedanken darüber gemacht, aus der eigenen Stute ein
Fohlen zu ziehen? Etliche haben sich diesen Wunsch bereits erfüllt. Das sind
sicherlich nicht wenige Pferdebesitzer. Es gibt aber auch genügend Züchter,
die viele Stuten und einen oder mehrere Hengste im Stall stehen haben und die Zucht
von Pferden professionell betreiben. Doch beide – Hobby- wie Profizüchter – müssen
eine Menge Anforderungen erfüllen, denn Pferde zu halten reicht alleine nicht aus.
Die Zucht von Pferden bedeutet mehr als die bloße Vergrößerung der Pferdepopulation.
Wer züchten möchte, sollte den Anspruch einer Qualitätsverbesserung haben. Diese lässt
sich nun aber unterschiedlich definieren und ist unter anderem davon abhängig, wofür
die gezüchteten Pferde eingesetzt werden sollen. So haben sich viele Rassen entwickelt,
die ihrer Eignung entsprechend genutzt werden, und fast jede Reitsportart hat ihre eigenen
Rassen, die dafür gezüchtet werden. Das Quarter Horse dient den Westernreitern,
das Islandpferd den Gangartenfans, das Vollblut wird in Pferderennen eingesetzt, das
Warmblut zum Spring- oder Dressurreiten.
Jetzt hat sich aber auch das Freizeitreiten so
enorm entwickelt, dass die Anzahl der freizeitmäßig
gerittenen Pferde jede andere Einsatzform
um Längen schlägt. Verwunderlicherweise
gibt es aber für das Freizeitreiten keine spezielle
Pferderasse, vielmehr kommen hierfür fast alle
Rassen zum Einsatz, die ursprünglich für andere
Zwecke gezüchtet worden sind. Das hat damit
zu tun, dass die Anforderungen fürs Geländereiten
von vielen Rassen problemlos erfüllt werden
können. Ein hoher Spezialisierungsgrad für
bestimmte Leistungen sind in der Regel nicht
erforderlich. Dagegen wird eine enorme Vielseitigkeit
des Freizeitpferdes erwartet.
Keine Qualität fürs Freizeitpferd?
Für die Zucht bedeutet dies, dass fast alle Pferde
für den Zweck des Freizeitreitens geeignet
sind. Pferde, die den Anforderungen einer Spezialdisziplin
nicht genügen, können immer noch
als Freizeitpferd zum Einsatz kommen. Damit
hat sich ein großer Markt entwickelt, bei dem
selbst der Ausschuss noch gewinnbringend an
den Mann – sprich den Freizeitreiter – gebracht
werden kann und das erfolgreiche Züchten
sehr vereinfacht worden. Dies führte jedoch
letztendlich dazu, dass die Qualität nicht mehr
so wichtig war, so lange auch minderwertige
Pferde noch gut abgesetzt werden können. Die
Folge wiederum war, dass mehr Leute mit dem
Züchten begannen und eine Überproduktion
entstand. Unbrauchbare, überschüssige Pferde
landen deshalb in der Fleischindustrie. Wenn
ein Pferd nicht wenigstens als Freizeitpferd
verkauft werden kann, gibt es immer noch den
Pferdemetzger. Dieser Trend war in den letzten
Jahren insbesondere in der Haflingerzucht auffällig;
nicht absatzfähige Fohlen gingen auf den
Schlachtpferdetransport gingen. Den Schlachtpreis
konnte man also in jedem Fall erwirtschaften,
und es scheint sich sogar beim Fohlen zu
lohnen. Sinnvoll ist diese Entwicklung nicht,
denn die Zuchtqualität wird dabei keineswegs
besser.
So haben sich auch Pferdefreunde zur Zucht
hinreißen lassen, die nicht genügend Wissen
und Erfahrung mitbringen. Eben mal ein Fohlen
aus der eigenen Stute zu ziehen, entweder
weil man den Nachwuchs gewinnbringend weiterverkaufen
oder für den eigenen Bedarf ein
Nachwuchspferd haben möchte. Das kann doch
nicht so schwierig sein!
Zucht ohne Know How
Oder auf den Freizeitreitermarkt aufspringen
und eine kleine Zucht aufbauen, um die eigene
Pferdehaltung damit zu finanzieren.
Oft aber steht nicht einmal das Geld im Vordergrund,
schließlich hat es sich bereits herumgesprochen,
dass mit der Zucht von Pferden
kaum Geld zu verdienen ist. Ob die Zucht einen
Gewinn abwirft, hängt von vielen Faktoren ab.
Zum einen spielt die Rasse eine große Rolle.
Während tierärztlichen Untersuchungen, Futter
und Hufpflege für alle Pferde gleich viel kosten,
ist der Verkaufspreis durchaus rasseabhängig.
Ein durchschnittliches Quarter Horse bringt
unter normalen Umständen mehr Geld als ein
Haflinger oder Traber, selbst wenn Alter und
Ausbildungsstand ähnlich sind. Wenn eine Rasse
in Mode kommt – so beispielsweise in den
letzten Jahren der Tinker oder der Friese – steigt
der Marktwert eines solchen Pferdes. Andererseits
züchten mehr Leute diese Rassen, was zu
einer größeren Masse, aber nicht unbedingt zu
besserer Qualität führt.
Mit diesen Problemen haben seriöse Züchter
zu kämpfen, die sich um echte Qualitätsverbesserung
bemühen. Auch wenn sie gute Pferde
züchten und diese teuerer verkaufen, müssen
diese Züchter nicht unbedingt mehr Geld verdienen.
Sie investieren für gewöhnlich auch
mehr in die Zucht. Doch diese Züchter scheinen
rar gesät, denn noch immer spielt der Gewinn
die größte Rolle im Pferdegeschäft, gleich in
welcher Branche.
Um die Qualität der Pferde zu verbessern, müssten
viele Pferde aus der Zucht herausgenommen
werden, um unerwünschte Merkmale aus
dem Erbgut zu verbannen. Andererseits dürfen
Spitzenpferde nicht mit zu enger Verwandtschaft
gepaart werden, weil die Gefahr von Erbkrankheiten
steigt. Ein guter Züchter verkauft
die Pferde, die nicht gut genug zur Zucht sind.
Der Käufer aber züchtet womöglich munter mit
diesen Pferden weiter.
All diese Aspekte führen dazu, dass es keine
klaren Linien gibt und zu viele Pferde in der
Zucht sind, die dort nicht hingehören. Doch so
lange sich diese Pferde verkaufen lassen – und
sei es letztendlich an den Pferdemetzger – wird
sich an einer schlechten Zuchtqualität nichts
ändern.
Bleibt die Gesundheit
auf der Strecke?
Dass die Qualität der Zucht in vielen Pferderassen
nicht befriedigend ist, zeigt sich an
Erbkrankheiten und der Anfälligkeit auf Erkrankungen
und Verletzungen vor allem des
Verdauungs-, Atem- und Bewegungsapparates.
Natürlich sind hierfür auch Haltungs- und Fütterungsfehler
maßgeblich Schuld, doch ein robustes
Pferd kann mehr Fehler kompensieren
als ein überzüchtetes. Wenn Erbanlagen bereits
eine bessere Konstitution mitgeben, muss man
sich mit weniger Krankheiten und Verletzungen
herumplagen. Und die Tierarztrechnungen der
Pferdebesitzer fallen beim finanziellen Unterhalt
des Pferdes durchaus nicht unbedeutend
ins Gewicht!
Den Züchtern aber wird vorgeworfen, die Gesundheit
bei der Zuchtauswahl nicht genügend
zu berücksichtigen. Und das aus gutem Grund:
Je früher ein Pferd verschlissen ist, desto früher
sucht der Pferdebesitzer nach einem neuen vierbeinigen
Kameraden und kurbelt so die Pferdewirtschaft
an. Der Züchter kann mehr Pferde
verkaufen und macht auf diese Weise einen
größeren Profit.
Doch auch wenn der Profitgedanke nicht der
Grund dafür ist, Pferde zu züchten, sondern es
dem Pferdebesitzer einfach nur Spaß macht,
sollte er sich der Verantwortung bewusst sein,
die die Zucht von Pferden mit sich bringt. Hierzu
gehört ein umfassendes Wissen über Haltung
und Fütterung von Zuchtpferden, Fohlenaufzucht
und -erziehung. Nicht zuletzt muss der
Züchter eine Menge über die Vererbungslehre
wissen, damit er die richtigen Elterntiere anpaart
und somit möglichst wenig „Ausschuss“
produziert.
Die Ansprüche von Pferden, die in der Zucht
eingesetzt werden, sind ungleich höher als die
eines Reitpferdes. Problematisch zu sehen ist
der doppelte Einsatz des Zuchtpferdes. Viele
Pferdebesitzer wollen ihre Zuchtstute auch auf
Turnieren einsetzen. Nicht selten werden die
Stuten bis kurz vor dem Abfohlen trainiert. Obwohl
eine gewisse Bewegung für eine Zuchtstute
positiv zu betrachten ist, kann übermäßiger
Stress zu negativen Folgen führen. Eine Zuchtstute
sollte während der Trächtigkeit weder zu
großem psychischen als auch physischen Stress
ausgesetzt werden. Der Einsatz auf Turnieren
bedeutet in der Regel beides, weshalb der Einsatz
des Zuchttieres im Sport mit großer Skepsis
zu sehen ist.
Auch wenn das Fohlen geboren ist, sollte man
der Mutterstute nicht gleich zumuten, sich wieder
konzentriert den Lektionen unter dem Sattel
zu widmen, sondern ihre Mutterrolle ausleben
lassen.
Hohe und vielfältige
Anforderungen
Während die Voraussetzungen wie Stallungen,
Weideflächen, Auslauf und allgemeines Umfeld
in einem Zuchtstall stimmen müssen, muss der
Züchter auch über ein umfassendes Wissen verfügen.
Hierzu gehören zum einen medizinische
Kenntnisse über den Verlauf einer Trächtigkeit
und den damit verbundenen möglichen Komplikationen.
Wenn eine Geburt nicht so abläuft,
wie sie von der Natur vorgesehen ist, muss der
Züchter entsprechend reagieren können. Auch
Kenntnisse in der Vererbungslehre sind eine
wichtige Voraussetzung. Die Farbenlehre kann
er sich als zusätzliches Hobby aneignen, im Vordergrund
jedoch muss die Gesundheit stehen.
Welche Krankheiten können vererbt werden
oder stehen im Verdacht, dass die Disposition
hierzu vererblich ist? Sollen kranke Pferde überhaupt
in der Zucht eingesetzt werden? Sind sie
nicht zu „weich“ für die Zucht, eben weil sie
diese Krankheit haben? Dasselbe gilt für verletzungsbedingte
Reitausfälle: Pferde, die zu
früh verschleißen und den Anforderungen nicht
standgehalten haben, sollten nicht in die Zucht
gehen.
Letztendlich sollte sich der Züchter sowohl in
der Beurteilung des Interieurs wie des Exterieurs
auskennen. Hier wird schon der Grundstein
für eine gesunde Zucht gelegt. Das Know How,
das ein Züchter mitbringen muss, kann nicht
innerhalb weniger Wochen angeeignet werden.
Es erfordert eine jahrelange Erfahrung in der
Haltung und im Umgang mit Pferden sowie eine
umfassendes Studium der theoretischen Kenntnisse
rund ums Pferd. Die spezifischen Anforderungen
müssen schließlich zusätzlich erworben
werden, bevor das erste Fohlen gezüchtet werden
will. Da es keine Überprüfung oder spezielle
Ausbildungswege gibt, hat der Züchter eine
große Eigenverantwortung.
Quelle:
Renate Ettl für westernreiter (EWU)
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